Die 7 Prinzipien Leonardo da Vincis

Leonardo da Vinci - Quelle kreativer Schaffenskraft
Benno van Aerssen vermittelt die 7 Prinzipien Leonardo da Vincis
Benno van Aerssen vermittelt die 7 Prinzipien Leonardo da Vincis

Der Erfolg ist es, der den Beweis liefert: Einzigartige Kunstwerke und bahnbrechende technische Neuerungen zeugen bis heute vom Genie Leonardo da Vincis.

Die Quelle dieser kreativen Schaffenskraft - Sieben konsequent gelebte Lebensprinzipien, die den Nährboden für Leonardos Meisterwerke bilden und die damals wie heute die Kraft in sich bergen, das kreative und unternehmerische Potenzial eines Menschen voll zu entwickeln.

Von "sfumato" über "dimostrazione" bis hin zu "connessione" reichen die Eckpfeiler des kreativen Gestaltens, die zielsicher für eine nachhaltige berufliche und private Weiterentwicklung sorgen.

Eingebettet in den vier Dimensionen des menschlichen Seins – die physische, psychische, soziale und spirituelle Ebene – ermöglichen Leonardos Lebensprinzipien, ein breites Repertoire an Ressourcen zu aktivieren, das als Basis seines Erfolges gilt: Kreativität, Querdenken oder das Erkennen systemischer Zusammenhänge zählen unbestritten dazu.

1. Curiosità

"Der Wunsch zu lernen ist allen edlen Menschen angeboren."(L. da Vinci)

Curiosità bezeichnet einen durch unstillbare Neugier geprägten Zugriff auf dasLeben sowie das unnachgiebige Streben nach Wissen. Jeder Mensch wird neugierig geboren.

Leonardos Curiosità war sein ganzes Leben hindurch Quelle und Antriebskraft seines Schaffens. Vasari erzählt, dass Leonardo weder Leidenschaft für Frauen empfand noch eine Verpflichtung gegenüber dem Staat, Kirche oder Gott fühlte.

Hingabe und Leidenschaft richteten sich allein auf die Suche nach Wahrheit und Schönheit. Seine Neugier durchdrang und bereicherte auch seine alltäglichen Erfahrungen, die Wahrnehmung seiner Umwelt.

Sein ausgeprägtes Verlangen, die Dinge bis ins Innerste erkunden zu wollen, ließ ihn einen Forschungsstil entwickeln, der vor allem wegen seiner Gründlichkeit und der Bandbreite seiner Interessensgebiete bemerkenswert ist.

Bei seinen anatomischen Studien z. B. sezierte er jeden Teil des Körpers aus mindestens drei verschiedenen Blickwinkeln. Leonardos gesamtes Leben war eine Übung in kreativer Problemlösung auf höchstem Niveau.

An dessen Anfang stehen intensive Neugier und aufgeschlossenes Denken, gefolgt von einer Vielzahl aus verschiedenen Blickwinkeln gestellter Fragen. Leonardo hat sein Forschen immer durch Fragen aufgerollt.

In seinen Notizbüchern stehen am Anfang Fragen nach der Konstruktion bestimmter Maschinen, dann Fragen nach den Grundprinzipien der Dynamik; und schließlich Fragen, die noch nie zuvor gestellt worden waren, nach den Wolken, dem Alter der Erde oder der Menschheit.

Leonardo wußte auch um die enorme Bedeutung beständigen Lernens. Er begann im Alter von 52 Jahren, sich Latein beizubringen. Er vertiefte sich aber nicht nur in Kontemplation und Reflexion, sondern suchte auch das Feedback anderer Menschen.

 

2. Dimostrazione

Dimostriazione ist die Bereitschaft, sein Wissen mittels neuer Erfahrungen und mit der Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, einer beharrlichen Prüfung zu unterziehen.

Erfahrung ist die Quelle allen Wissens. Leonardo profitierte von den Erfahrungen, die er im Atelier seines Lehrmeisters Andrea del Verocchio machte. Dabei lernte er auch viele praktische Dinge. Für seine geologischen Studien durchstreifte er die Hügel der Lombardei und betrachtete die Fossilien nicht nur theoretisch, sondern nahm sie auch in die Hand und zerlegte sie.

Für die Anatomie sezierte er mehr als dreißig menschliche Körper und Tierkadaver. Leonardo trat aber auch für Originalität und Unabhängigkeit des Denkens ein.

Kein Mensch sollte das Vorgehen eines anderen imitieren. Er studierte Texte von Vorgängern wie Äsop, Diogenes, Ovid oder Dante, bemerkte aber, dass vorgefaßte Meinungen den Forscherdrang einschränken.

Er wußte, daß Lernen durch Erfahrung auch Lernen aus Fehlern bedeutete. Auch er unterlag Irrtümern, z. B. die erfolglosen Versuche, die Farben der Gemälde Schlacht von Anghiari und Abendmahl zu fixieren oder die Konstruktion einer Flugmaschine, die nie abhob. "Jedes Hindernis läßt sich durch Beharrlichkeit beseitigen." (L.da Vinci)

 

3. Sensazione

Das beständige Schärfen der Sinne, vor allem des Sehens, mit denen wir uns den Zugang zu Erfahrungen erschließen.

All unser Wissen gründet sich auf Wahrnehmung."(L. da Vinci) In den Sinneswahrnehmungen liegt der Schlüssel zur Erfahrung.

Sapervedere (zu sehen verstehen) war ein Motto Leonardos und der Grundstein seiner künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit. Sein scharfes Auge ermöglichte es ihm, außergewöhnliche und noch nie so genau beobachtete Feinheiten des menschlichen Ausdrucks in seinen Gemälden festzuhalten.

Das Auge war für ihn "Fenster zur Seele" und "das Hauptmittel, durch welches der Verstand die unendlich vielen Werke der Natur in der vielfältigsten Weise betrachten kann." Dabei plädiert Leonardo aber für die Schärfung aller Sinne. Sinästhesie, das Verschmelzen der Sinneseindrücke, ist ein Merkmal aller großen Künstler und Genies.

 

4. Sfumato

Die Bereitschaft, sich auf Mehrdeutiges, Paradoxien und Unsicherheiten einzulassen und sie zu akzeptieren.

"Ein Maler, der den Zweifel nicht kennt, wird wenig erreichen."(L. da Vinci) Der Begriff Sfumato lässt sich mit "in Nebel verwandelt", "in Rauch aufgehen", übersetzen.

Kunsthistoriker beschreiben mit ihm die verschwommene, mysteriöse Qualität, die da Vincis Gemälde auszeichnet. Das Thema der Spannung zwischen Gegensätzen begegnet uns häufig in seinem Werk und gewann im Laufe seines Lebens immer größere Bedeutung.

Auf der Suche nach Schönheit erforschte Leonardo das Häßliche in all seinen Formen. Seine Zeichnungen von Schlachten, grotesken Gestalten und Überschwemmungen stehen häufig neben Skizzen von Blumen und schönen Jünglingen.

Mit wachsendem Wissen tauchte Leonardo immer tiefer in die Welt des Mehrdeutigen ein. Und je bewußter er sich des Geheimnisvollen und Widersprüchlichen wurde, desto ausdrucksvoller vermochte er es darzustellen. Ohne Zweifel erreicht die Darstellung des Paradoxen in der Mona Lisa ihren Höhepunkt.

Das Geheimnis ihres Lächelns hat im Laufe der Jahrhunderte wahre Interpretationsstürme entfesselt. Sigmund Freud schrieb, die Mona Lisa sei "die vollkommenste Darstellung der Widersprüche, die das Liebesleben der Frau bestimmen." Ihr Lächeln liegt auf der Grenze zwischen Gut und Böse, Mitleid und Grausamkeit, Verführung und Unschuld, Flüchtigkeit und Ewigkeit.

 

5. Arte / Scienza

Die Entwicklung des Gleichgewichts zwischen Wissenschaft und Kunst, Logik und Phantasie.

"Ganzheitliches Denken". Unter Ganzheitlichem Denken versteht man die Ausgeglichenheit beider Gehirnhälften - Leonardos Fähigkeit beruhte auf der Verknüpfung sowohl der linken Gehirnhälfte (logisches Vorgehen) als auch der rechten (künstlerisch-intuitives Denken).

Seine wissenschaftlichen Untersuchungen von Steinen, Pflanzen, die Studien über den Flug, das fließende Wasser und die menschliche Anatomie dokumentierte er nicht in nüchternen, technischen Zeichnungen sondern mit ausdrucksstarken Kunstwerken.

Zugleich sind seine Entwürfe für Gemälde und Skulpturen äußerst detailliert, analytisch und mathematisch genau. In den Augen Leonardos waren Kunst und Wissenschaft untrennbar.

Eine Voraussetzung für die künstlerische Fähigkeit, die Schönheit der menschlichen Gestalt zum Ausdruck zu bringen, ein eingehendes Studium der Anatomie. Kenneth Clark geht jedoch davon aus, dass nicht die Wissenschaft die Kunst, sondern umgekehrt die Kunst die wissenschaftlichen Bemühungen Leonardos beeinflusst habe.

Zutreffender sei, dass er die Dinge, die er darstellte, so gut kannte, weil er sie so gut zu zeichnen verstand. "Studiere die Wissenschaft der Kunst und die Kunst der Wissenschaft." (L. da Vinci)

Leonardo trat nicht nur für Strenge und Genauigkeit, Wahrnehmung der Details, Logik, Mathematik und die intensive praktische Analyse ein. Seine Schüler forderte er zugleich dazu auf, ihre Vorstellungskraft zu aktivieren. Er hielt sie dazu an, die zu zeichnenden Dinge genau zu betrachten und die Fähigkeit zuentwickeln, in diesen einfachen Formen "die Ähnlichkeit mit himmlischen Landschaften ... und der Unendlichkeit der Dinge" zu entdecken.

Sein Denken war ein Durchbruch in der Evolution des Denkens. Das Konzept des "kreativen Denkens" als intellektuelle Disziplin existierte vor Leonardo nicht. Das kann mit der Methode des "Mind_Mapping" verglichen werden eine ganzheitliche Methode zur Entwicklung und Organisation von Ideen, die sich an Leonardos Notizen-Technik anlehnt.

Leonardos Fähigkeiten sind auch auf sein Bemühen um ein gutes Gedächtnis zurückzuführen, was er selbst "Auswendiglernen" nannte. Nachdem er einen Gegenstand sorgfältig aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet hatte, fertigte er eine Zeichnung davon an. Dann vergegenwärtigte er sich die Erinnerung an den Gegenstand vor dem inneren Auge, um sie so lange mit der Zeichnung zu vergleichen, bis er den Gegenstand vollkommen in sein Gedächtnis integriert hatte.

 

6. Corporalità

Die Kultivierung von Anmut, Beidhändigkeit, Fitneß und Haltung.

"Schön und mit einer herrlichen Physis versehen, schien er ein Modell menschlicher Perfektion". (Goethe über Leonardo)

Leonardo war Zeitzeugen zufolge selbst mit ebenmäßiger Schönheit, Anmutund Sportlichkeit ausgezeichnet.

Er betonte auch immer wieder selbst die Wichtigkeit körperlicher Gesundheit. Er betrieb viel Sport, war Vegetarier, denn er glaubte, daß ausgewogene Ernährung der Schlüssel zu Gesundheit und Wohlgefühl sei.

Leonardo war der Überzeugung, daß jeder Mensch persönlich für seine körperliche Gesundheit und sein Wohlergehen verantwortlich ist. Er erkannte die Auswirkungen, die Lebenseinstellung und Gefühle auf den Körper haben und riet dazu, sich von Ärzten und Medikamenten unabhängig zu machen, denn er vertrat einen ganzheitlichen Ansatz in der Medizin.

Sein Motto: "Mens sana in corpore sano." Um eine ausgewogene Körperbalance herzustellen malte, zeichnete und schrieb Leonardo mit der rechten wie mit der linken Hand - er war also ein "Beidhänder". Auch Michelangelo verwendete bei der Arbeit in der Sixtinischen Kapelle sowohl die rechte als auch die linke Hand.

 

7. Connessione

Die Erkenntnis, dass alle Dinge und Phänomene miteinander verbunden sind. Systemisches Denken.

Als Erklärung für Connessione eignet sich am besten die Metapher des Steines, der in ein ruhiges Gewässer geworfen wird und eine Reihe kreisförmiger Wellen bildet.

Jede Welle wirkt auf die nächste ein und wird so ständig weitergeführt. Ein Geheimnis von Leonardos Kreativität liegt wohl darin, dass er sein ganzes Leben lang unterschiedliche Elemente miteinander kombiniert und zueinander in Beziehung gesetzt hat.

In seinen Notizbüchern hat er alle Notizen und Skizzen in zufälliger Weise niedergeschrieben - es gab keine Gliederung oder Übersicht, denn er wusste darum, dass alles mit allem verbunden ist.

Connessione begann für Leonardo mit seiner Liebe zur Natur und verfestigte sich mit seinen Forschungen zur Anatomie der Menschen und der Tiere.

Er erforschte den menschlichen Körper als ein koordiniertes System wechselseitig voneinander abhängiger Beziehungen. Er studierte das Wesen der Schönheit an Tausenden von menschlichen Gesichtern und kombinierte dann die unterschiedlichen Elemente, die er beobachtet hatte, um auf diese Art und Weise vollkommene Gesichter in seinen Gemälden zu erschaffen.

Das beste Beispiel dafür stellt die Mona Lisa dar. Dem aufmerksamen Beobachter wird Leonardos Einsicht in das universelle System, das sich durch sein Werk zieht, nicht entgehen; die "innewohnende Ordnung" läßt sich beispielsweise an Details so unterschiedlicher Werke wie Verrocchios Taufe (das Haar des Engelskopfes), der Jungfrau und die Hl. Anna (die Anordnungder Figuren), der Mona Lisa (die Landschaft) und den Skizzen zu Eigenarten des Wassers erkennen.